1. Der neue Grundsatz
Entscheidend ist immer das konkrete Kleidungsstück, seine Größe, seine zertifizierte bzw. anrechenbare Fläche und die Position der Veredelung.
Die bisherige Protex-Dokumentation arbeitete mit beispielhaften Überschüssen von 200 / 500 / 1.000 cm². Diese Werte waren ausdrücklich als Beispielrechnung gedacht, eignen sich aber nicht als Produktionsfreigabe. Ab sofort wird modell- und größenbezogen bewertet.
2. Welche Norm ist überhaupt gemeint?
Klassen 1, 2 und 3.
Typen A, B1, B2, B3, AB2, AB3.
3. EN ISO 20471 – Klassen 1 bis 3
| Klasse | fluoreszierendes Hintergrundmaterial min. | retroreflektierendes Material min. | Bewertung |
|---|---|---|---|
| 1 | 0,14 m² / 1.400 cm² | 0,10 m² / 1.000 cm² | niedrigste Klasse innerhalb EN ISO 20471 |
| 2 | 0,50 m² / 5.000 cm² | 0,13 m² / 1.300 cm² | mittlere Klasse |
| 3 | 0,80 m² / 8.000 cm² | 0,20 m² / 2.000 cm² | höchste Klasse |
Rechenprinzip für nicht reflektierende Veredelung
verfügbare anrechenbare Hintergrundfläche − vorgeschriebene Mindestfläche − bereits anderweitig verlorene Fläche = theoretische Flächenreserve.
Diese Rechnung allein ist noch keine vollständige Konformitätsbewertung: Design, Verteilung, Sichtbarkeit aus verschiedenen Richtungen, Herstellerangaben und Materialeigenschaften müssen ebenfalls erhalten bleiben.
4. EN 17353:2025 – mittleres Risiko
| Typ | Einsatzprinzip | sichtbarkeitsgebendes Material |
|---|---|---|
| A | Tageslicht | fluoreszierend |
| B1 | Dunkelheit | frei hängende retroreflektierende Elemente |
| B2 | Dunkelheit / Bewegungserkennung | retroreflektierend an Gliedmaßen |
| B3 | Dunkelheit | retroreflektierend an Torso bzw. Torso + Gliedmaßen |
| AB2 | Tag + Dämmerung/Dunkelheit | fluoreszierend + Reflex an Gliedmaßen |
| AB3 | Tag + Dämmerung/Dunkelheit | fluoreszierend + Reflex an Torso bzw. Torso + Gliedmaßen |
5. Wo wird veredelt?
„Grün“ bedeutet nicht automatisch, dass jede Temperatur, jeder Kleber oder jede Stickerei technisch geeignet ist. Es bezeichnet hier nur die Sichtbarkeits-/Flächenbewertung.
6. Bewertung nach Veredelungsverfahren
| Verfahren | Kontrastzone | fluoreszierende Fläche | Reflexmaterial |
|---|---|---|---|
| DTF / Farbdruck | 🟢 bevorzugt | 🟡 überdeckte Fläche abziehen | 🔴 nicht ohne Freigabe |
| Siebdruck | 🟢 bevorzugt | 🟡 überdeckte Fläche abziehen | 🔴 nicht ohne Freigabe |
| normale Flexfolie | 🟢 bevorzugt | 🟡 überdeckte Fläche abziehen | 🔴 nicht ohne Freigabe |
| Reflexflex | 🟡 Material-/Herstellerprüfung | 🟡 fluoreszierende Fläche wird trotzdem überdeckt | 🔴 nicht auf bestehendes Band |
| Stick | 🟢/🟡 technisch prüfen | 🟡 überdeckte Fläche abziehen | 🔴 nicht ohne Freigabe |
| Patch / Badge | 🟢/🟡 | 🟡 gesamte überdeckte Fläche relevant | 🔴 nicht ohne Freigabe |
7. Reflexdruck: reflektierend ≠ automatisch normgerecht
Eine reflektierende Transferfolie wird nicht dadurch zu anrechenbarem EN-ISO-20471-Reflexmaterial, dass sie sichtbar reflektiert.
8. Größe ist Teil der Prüfung
Die DGUV zeigt ausdrücklich Beispiele, bei denen dasselbe Kleidungsmodell je nach Konfektionsgröße unterschiedliche Warnkleidungsklassen erreicht. Kleine Größen sind bei nachträglichen Logos oft besonders kritisch, weil weniger fluoreszierende Gesamtfläche vorhanden ist.
Bei gemeinsam zertifizierten Kombinationen (z. B. Oberteil + Hose = höhere Klasse) dürfen wir außerdem nicht einfach die kombinierte Klasse als Eigenschaft jedes Einzelteils behandeln.
9. Entscheidungslogik vor Druckfreigabe
10. Welche Daten brauchen wir vom Textil?
11. Protex Produktions-Check
| Prüfung | Pflicht |
|---|---|
| Artikel, Größe und Normkennzeichnung fotografiert / dokumentiert | ✓ |
| Herstellerinformation bzw. technische Produktdaten hinterlegt | ✓ |
| Druckposition als Kontrast / fluoreszierend / Reflex klassifiziert | ✓ |
| Motivbreite, -höhe und angesetzte Fläche dokumentiert | ✓ |
| Bei fluoreszierender Fläche: belastbare Flächenreserve vorhanden | ✓ |
| Bei Reflexmaterial: keine Veränderung ohne geeigneten Nachweis | ✓ |
| Alle bestellten Größen von der Freigabe erfasst | ✓ |
| Temperatur / Presszeit / Material technisch für das Textil geeignet | ✓ |
| Fertiges Muster bzw. Erstteil fotografiert | ✓ |
| Freigabegrundlage mit Auftrag verknüpft | ✓ |
12. Daraus bauen wir das Berechnungstool
Die Doku definiert bereits die Datenstruktur für den nächsten Schritt. Das Tool sollte nicht einfach „Klasse 2 → max. X cm²“ rechnen, sondern artikel- und größenbezogen arbeiten.
| Eingabe | Beispiel | Funktion |
|---|---|---|
| Norm | EN ISO 20471 | lädt passende Mindestanforderungen |
| Klasse / Typ | Klasse 2 | setzt Mindestflächen |
| Artikel + Größe | PW365 / M | lädt reale Produktdaten |
| Fluoreszenzfläche | Herstellerwert | berechnet Reserve |
| Reflexfläche | Herstellerwert | prüft Reserve / Eingriff |
| Druckzone | fluoreszierend | entscheidet Rechenweg |
| Motiv B × H | 280 × 80 mm | berechnet konservative Fläche |
| Verfahren | DTF / Reflexflex / Stick | setzt Risikoregeln |
Wichtig: Das Tool soll später nicht nur rechnen, sondern die Entscheidung samt Datenquelle revisionsfähig speichern. Damit können wir nach Jahren nachvollziehen, warum ein bestimmtes Motiv in einer bestimmten Größe freigegeben wurde.
13. Quellen & Normenstand
Offizielle Hinweise zur Veränderung zertifizierter Warnkleidung durch Aufdruck/Emblem, Mindestflächen, kleinen Größen und Farbechtheit.
DGUV öffnen
Praxisinformationen zu Auswahl, Kennzeichnung, Herstellerinformation, Pflege und größen-/kombinationsabhängigen Klassen.
DGUV-Publikation öffnen
Aktuelle deutsche Ausgabe: EN 17353:2020+A1:2025, erhöhte Sichtbarkeit für mittlere Risikosituationen.
DIN Media öffnen
Warnschutzbekleidung für hohe Risikosituationen. Für konkrete Konformitätsentscheidungen sind die aktuelle Normausgabe, Herstellerinformation und Baumuster-/Produktdaten des jeweiligen Artikels maßgeblich.