protex · interne Produktionsrichtlinie

Warnschutz & erhöhte Sichtbarkeit – Veredelung 2026

Praxisleitfaden für Druck, Transfer, Reflexfolie, Stick und Patches auf Sichtbarkeits- und Warnschutzbekleidung. Ziel ist nicht, Normkonformität zu erraten, sondern reproduzierbar festzustellen, wann eine Veredelung ohne weitere Prüfung möglich ist – und wann Herstellerdaten oder eine formelle Freigabe nötig sind.

Stand 18.08.2026DIN EN ISO 20471DIN EN 17353:2025-12PSA / gewerbliche Anwendung

1. Der neue Grundsatz

Es gibt keine pauschal zulässige Druckfläche je Schutzklasse. Angaben wie „Klasse 2 = 500 cm² Druck möglich“ werden nicht mehr als allgemeine Regel verwendet.

Entscheidend ist immer das konkrete Kleidungsstück, seine Größe, seine zertifizierte bzw. anrechenbare Fläche und die Position der Veredelung.

Die bisherige Protex-Dokumentation arbeitete mit beispielhaften Überschüssen von 200 / 500 / 1.000 cm². Diese Werte waren ausdrücklich als Beispielrechnung gedacht, eignen sich aber nicht als Produktionsfreigabe. Ab sofort wird modell- und größenbezogen bewertet.

Produktionsziel: Die auf dem Kennzeichen ausgewiesene Schutzklasse bzw. der Sichtbarkeitstyp darf durch unsere Veredelung nicht stillschweigend ungültig oder falsch werden.

2. Welche Norm ist überhaupt gemeint?

EN ISO 20471Hochsichtbare Warnkleidung für Situationen mit hohem Risiko.
Klassen 1, 2 und 3.
EN 17353Ausstattung zur erhöhten Sichtbarkeit für mittlere Risikosituationen.
Typen A, B1, B2, B3, AB2, AB3.
Keine Normangabe?Nicht automatisch Warnschutz. Reflexstreifen oder Neonfarbe allein machen ein Textil nicht zu EN-ISO-20471-Warnkleidung.
Die aktuelle deutsche EN-17353-Ausgabe ist DIN EN 17353:2025-12 und übernimmt EN 17353:2020+A1:2025. Sie ersetzt DIN EN 17353:2020-11.

3. EN ISO 20471 – Klassen 1 bis 3

Klassefluoreszierendes Hintergrundmaterial min.retroreflektierendes Material min.Bewertung
10,14 m² / 1.400 cm²0,10 m² / 1.000 cm²niedrigste Klasse innerhalb EN ISO 20471
20,50 m² / 5.000 cm²0,13 m² / 1.300 cm²mittlere Klasse
30,80 m² / 8.000 cm²0,20 m² / 2.000 cm²höchste Klasse
Nicht aus der Klasse auf die Druckreserve schließen. Zwei Klasse-2-Jacken können völlig unterschiedliche Flächenreserven besitzen. Auch unterschiedliche Größen desselben Artikels können unterschiedlich kritisch sein.

Rechenprinzip für nicht reflektierende Veredelung

verfügbare anrechenbare Hintergrundfläche − vorgeschriebene Mindestfläche − bereits anderweitig verlorene Fläche = theoretische Flächenreserve.

Diese Rechnung allein ist noch keine vollständige Konformitätsbewertung: Design, Verteilung, Sichtbarkeit aus verschiedenen Richtungen, Herstellerangaben und Materialeigenschaften müssen ebenfalls erhalten bleiben.

4. EN 17353:2025 – mittleres Risiko

TypEinsatzprinzipsichtbarkeitsgebendes Material
ATageslichtfluoreszierend
B1Dunkelheitfrei hängende retroreflektierende Elemente
B2Dunkelheit / Bewegungserkennungretroreflektierend an Gliedmaßen
B3Dunkelheitretroreflektierend an Torso bzw. Torso + Gliedmaßen
AB2Tag + Dämmerung/Dunkelheitfluoreszierend + Reflex an Gliedmaßen
AB3Tag + Dämmerung/Dunkelheitfluoreszierend + Reflex an Torso bzw. Torso + Gliedmaßen
Wichtig für die Veredelung: Auch EN 17353 bewertet Mindestflächen und die Anordnung der sichtbarkeitsgebenden Materialien. Logos, Schriftzüge und Labels, die fluoreszierendes Material überdecken, zählen für diese überdeckte Fläche nicht mehr als fluoreszierende Fläche.

5. Wo wird veredelt?

KONTRASTZONE DRUCK
Schema Warnjacke: fluoreszierende Fläche, Kontrastzone und zertifizierte Reflexbänder sind getrennt zu betrachten.
GRÜNDruck vollständig auf einer nicht anrechenbaren Kontrast-/Dekorfläche, sofern Hersteller und Konstruktion dies zulassen.
GELBDruck auf fluoreszierendem Hintergrundmaterial: Flächenverlust berechnen und Freigabegrundlage dokumentieren.
ROTBestehendes zertifiziertes Reflexband überdrucken, übersticken, bekleben oder anderweitig verändern – ohne ausdrücklichen Nachweis nicht freigeben.

„Grün“ bedeutet nicht automatisch, dass jede Temperatur, jeder Kleber oder jede Stickerei technisch geeignet ist. Es bezeichnet hier nur die Sichtbarkeits-/Flächenbewertung.

6. Bewertung nach Veredelungsverfahren

VerfahrenKontrastzonefluoreszierende FlächeReflexmaterial
DTF / Farbdruck🟢 bevorzugt🟡 überdeckte Fläche abziehen🔴 nicht ohne Freigabe
Siebdruck🟢 bevorzugt🟡 überdeckte Fläche abziehen🔴 nicht ohne Freigabe
normale Flexfolie🟢 bevorzugt🟡 überdeckte Fläche abziehen🔴 nicht ohne Freigabe
Reflexflex🟡 Material-/Herstellerprüfung🟡 fluoreszierende Fläche wird trotzdem überdeckt🔴 nicht auf bestehendes Band
Stick🟢/🟡 technisch prüfen🟡 überdeckte Fläche abziehen🔴 nicht ohne Freigabe
Patch / Badge🟢/🟡🟡 gesamte überdeckte Fläche relevant🔴 nicht ohne Freigabe
Bei Motiven zählt die überdeckte Fläche konservativ. Für das spätere Tool sollte standardmäßig die umschließende Rechteckfläche (Breite × Höhe) angesetzt werden, solange kein belastbarer Nachweis für eine andere Flächenberechnung vorliegt.

7. Reflexdruck: reflektierend ≠ automatisch normgerecht

Eine reflektierende Transferfolie wird nicht dadurch zu anrechenbarem EN-ISO-20471-Reflexmaterial, dass sie sichtbar reflektiert.

1
Wird Reflexfolie auf fluoreszierenden Stoff gesetzt, verliert ihr zunächst fluoreszierende Fläche.
2
Ob die Folie ihrerseits als normativ anrechenbares retroreflektierendes Material gelten kann, braucht einen geeigneten Nachweis für Material, Verarbeitung und die relevante Anwendung.
3
Bestehende Reflexbänder werden grundsätzlich nicht überdruckt oder beklebt. Das Originalsystem wurde als Teil der PSA geprüft.
Neue Protex-Regel: „Wir nehmen Reflexfolie, dann dürfen wir größer drucken“ ist keine zulässige Freigabelogik.

8. Größe ist Teil der Prüfung

Die DGUV zeigt ausdrücklich Beispiele, bei denen dasselbe Kleidungsmodell je nach Konfektionsgröße unterschiedliche Warnkleidungsklassen erreicht. Kleine Größen sind bei nachträglichen Logos oft besonders kritisch, weil weniger fluoreszierende Gesamtfläche vorhanden ist.

Protex-Standard: Eine Druckfreigabe gilt nur für die dokumentierten Artikelgrößen. Bei einem Größensatz wird die kritischste Größe bewertet – normalerweise diejenige mit der kleinsten anrechenbaren Reserve.

Bei gemeinsam zertifizierten Kombinationen (z. B. Oberteil + Hose = höhere Klasse) dürfen wir außerdem nicht einfach die kombinierte Klasse als Eigenschaft jedes Einzelteils behandeln.

9. Entscheidungslogik vor Druckfreigabe

1
Norm und Kennzeichnung lesen. EN ISO 20471? EN 17353? Klasse/Typ? Größe? Hersteller?
2
Herstellerinformation prüfen. Gibt es definierte Veredelungszonen, maximale Logogrößen oder bereits geprüfte Varianten?
3
Druckzone klassifizieren. Kontrastfläche, fluoreszierendes Hintergrundmaterial oder Reflexmaterial?
4
Motivfläche bestimmen. Breite × Höhe bzw. konservativ umschließende Fläche.
5
Flächenreserve bestimmen. Nur mit belastbaren Produkt-/Herstellerdaten.
6
Design-/Anordnungsanforderungen prüfen. Eine ausreichende Gesamtfläche allein macht eine ungünstige Platzierung nicht automatisch zulässig.
7
Ergebnis dokumentieren: GRÜN / GELB / ROT + Datenquelle + Foto + Produktionsparameter.

10. Welche Daten brauchen wir vom Textil?

Hersteller + Artikelnummereindeutige Produktidentifikation
Norm + Ausgabewie auf Etikett / Herstellerinformation
Klasse bzw. Typggf. größenabhängig
Konfektionsgrößenicht nur „Modell ist Klasse 2“
anrechenbare Fluoreszenzflächemodell-/größenbezogen
anrechenbare Reflexflächemodell-/größenbezogen
Hersteller-Veredelungszonenfalls vorhanden
maximale Logogrößefalls vom Hersteller geprüft/freigegeben
Pflege-/WaschzyklenVeredelung muss zum vorgesehenen Pflegeprozess passen
ProduktionsverfahrenTransfer, Siebdruck, Stick, Patch usw.

11. Protex Produktions-Check

PrüfungPflicht
Artikel, Größe und Normkennzeichnung fotografiert / dokumentiert✓
Herstellerinformation bzw. technische Produktdaten hinterlegt✓
Druckposition als Kontrast / fluoreszierend / Reflex klassifiziert✓
Motivbreite, -höhe und angesetzte Fläche dokumentiert✓
Bei fluoreszierender Fläche: belastbare Flächenreserve vorhanden✓
Bei Reflexmaterial: keine Veränderung ohne geeigneten Nachweis✓
Alle bestellten Größen von der Freigabe erfasst✓
Temperatur / Presszeit / Material technisch für das Textil geeignet✓
Fertiges Muster bzw. Erstteil fotografiert✓
Freigabegrundlage mit Auftrag verknüpft✓
PSA-Hinweis: Eine nachträgliche Veredelung ist eine Veränderung eines zertifizierten Produkts. Unsere interne Berechnung ersetzt keine Hersteller- oder Konformitätsfreigabe, wenn diese für den konkreten Fall erforderlich ist.

12. Daraus bauen wir das Berechnungstool

Die Doku definiert bereits die Datenstruktur für den nächsten Schritt. Das Tool sollte nicht einfach „Klasse 2 → max. X cm²“ rechnen, sondern artikel- und größenbezogen arbeiten.

EingabeBeispielFunktion
NormEN ISO 20471lädt passende Mindestanforderungen
Klasse / TypKlasse 2setzt Mindestflächen
Artikel + GrößePW365 / Mlädt reale Produktdaten
FluoreszenzflächeHerstellerwertberechnet Reserve
ReflexflächeHerstellerwertprüft Reserve / Eingriff
Druckzonefluoreszierendentscheidet Rechenweg
Motiv B × H280 × 80 mmberechnet konservative Fläche
VerfahrenDTF / Reflexflex / Sticksetzt Risikoregeln
GRÜNinnerhalb dokumentierter Freigabe
GELBrechnerisch möglich, Hersteller-/Fachprüfung erforderlich
ROTMindestfläche unterschritten oder unzulässiger Eingriff

Wichtig: Das Tool soll später nicht nur rechnen, sondern die Entscheidung samt Datenquelle revisionsfähig speichern. Damit können wir nach Jahren nachvollziehen, warum ein bestimmtes Motiv in einer bestimmten Größe freigegeben wurde.

13. Quellen & Normenstand

DGUV – Fachbereich PSA, FAQ Schutzkleidung
Offizielle Hinweise zur Veränderung zertifizierter Warnkleidung durch Aufdruck/Emblem, Mindestflächen, kleinen Größen und Farbechtheit.
DGUV öffnen
DGUV Information 212-016 – Warnkleidung
Praxisinformationen zu Auswahl, Kennzeichnung, Herstellerinformation, Pflege und größen-/kombinationsabhängigen Klassen.
DGUV-Publikation öffnen
DIN EN 17353:2025-12
Aktuelle deutsche Ausgabe: EN 17353:2020+A1:2025, erhöhte Sichtbarkeit für mittlere Risikosituationen.
DIN Media öffnen
EN ISO 20471
Warnschutzbekleidung für hohe Risikosituationen. Für konkrete Konformitätsentscheidungen sind die aktuelle Normausgabe, Herstellerinformation und Baumuster-/Produktdaten des jeweiligen Artikels maßgeblich.
Versionskontrolle: Vor einer späteren Freigabeautomatisierung werden die verwendeten Normtabellen und Herstellerdaten versioniert. Normänderungen dürfen nicht rückwirkend unbemerkt bestehende Produktdatensätze verändern.